Das Tox feiert seinen 60. Geburtstag!

60 Jahre Rettung am Telefon: Wenn Wissen zum Gegengift wird


Ein Mangel an zuverlässigen Informationen – gepaart mit einem wachsenden Bedürfnis nach Orientierung bei Vergiftungsgefahren – führte 1966 zur Gründung des Schweizerischen Toxikologischen Informationszentrums, seit 2015 Tox Info Suisse. Bevor es das Gifttelefon gab, fehlte vor allem eines: verlässliches Wissen im entscheidenden Moment.

Fotos: Tox Info Suisse

Mit der offiziellen Eröffnung am 25. Mai 1966 begann eine neue Ära der Giftnotrufberatung in der Schweiz. Initiiert wurde das Zentrum vom Winterthurer Apotheker Dr. Dr. Attilio Nisoli und vom Zürcher Gerichtsmediziner Prof. Franz Borbély. Beide erlebten, wie hilflos medizinische Fachpersonen bei akuten Vergiftungen oft dastanden. Sie erkannten: Es fehlte eine rasch zugängliche, fundierte Entscheidungsgrundlage zur Giftigkeit von Substanzen, zu kritischen Dosen und zu sinnvollen Gegenmassnahmen. 

Vom Lochkartensystem zur digitalen Datenbank


Bereits im ersten Jahresbericht 1966 wurde festgehalten, dass die Beratung erfolgreich umgesetzt werden konnte. Die Kernkompetenz war von Anfang an klar: systematische Informationsbeschaffung und praxisnahe Weitergabe. Zu Beginn stützte sich die Beratung auf 15'000 Karteikarten, Tausende Literaturauszüge und mechanische Auswertungssysteme, welche bereits in den vorangehenden drei Jahren aufgebaut wurden. Schon damals zeigte sich ein Muster, das bis heute gilt: Bei Kindern unter 5 Jahren kommen Vergiftungen deutlich häufiger vor als bei allen anderen Altersklassen. 

Jede Anfrage erweiterte das Wissen und verbesserte die Folgeberatung. 

Foto: Tox Info Suisse

Historische Noxenkarte – Foto: Tox Info Suisse

Rose-Marie Hauser-Panagl, seit 1987 bei Tox Info Suisse tätig, erinnert sich: «Ein grosser Teil meiner Sekretariatsarbeit bestand darin, Informationen zu Giften zu beschaffen. Herstellerangaben wurden eingeholt und alles von Hand dokumentiert. Jede Vergiftung wurde akribisch ausgewertet.» 

Aus Einzelfällen wurde Erfahrung, aus Erfahrung Handlungssicherheit. 


Was einst auf Karteikarten festgehalten wurde, ist heute digitalisiert. 2024 wurde die dritte Generation der elektronischen Datenbank eingeführt. Sie ermöglicht in Sekundenschnelle den Zugriff auf die Expertise aus sechs Jahrzehnten.

Erfahrung verändert die Medizin


Foto: Tox Info Suisse

Cornelia Reichert, leitende Ärztin, beschreibt, wie dieses gesammelte Wissen die Behandlungsmethoden verändert hat: «Das systematische Sammeln von Wissen hat die Dekontaminationsrichtlinien wesentlich geprägt. Früher wurden bei vielen Vergiftungen Magenspülungen durchgeführt. Heute raten wir in der Schweiz fast ausnahmslos von dieser Methode ab, da sie für die Patientinnen und Patienten mit erheblichen Risiken verbunden ist. Später wurde diese Dekontaminationsmassnahme weitgehend durch die Verabreichung von Aktivkohle abgelöst – doch auch hier sind wir heute mit unseren Empfehlungen zurückhaltender geworden. Stattdessen treffen wir differenzierte, evidenzbasierte Entscheidungen, bei denen Toxizitätsgrenzen klarer definiert sind und Interventionen gezielter und sicherer erfolgen.» 

Früher konnte nach dem Verschlucken einiger unbekannter roter Beeren eine Magenspülung bei einem Kleinkind mitunter schwerere Komplikationen verursachen als die Beeren selbst. 


Historische Rattengifte – Foto: Tox Info Suisse

Die kontinuierliche Auswertung der Beratungsfälle wirkte sich auch direkt auf die Produktsicherheit aus. Ein eindrückliches Beispiel ist das Lampenöl: Kleinkinder verwechselten es früher mit Sirup und tranken es. Das sehr dünnflüssige Öl konnte beim Husten oder Verschlucken rasch in die Lunge gelangen. Schon kleine Mengen führten zu schweren chemischen Lungenentzündungen – in einzelnen Fällen mit tödlichem Ausgang. 

Daten von Tox Info Suisse sowie den Giftnotrufen weltweit führten zu Anpassungen bei der Zusammensetzung vieler Produkte, förderten Massnahmen wie kindersichere Verschlüsse und klare Warnhinweise. Heute sind derart schwere Vergiftungen glücklicherweise sehr selten geworden. Zwar betreffen nach wie vor viele Vergiftungen Kinder, doch der Haushalt ist bezüglich Vergiftungen – auch dank der Arbeit der Giftinformationszentren – deutlich sicherer geworden. 


Neue Herausforderungen: Internet, illegale Produkte, KI


Trotz sichererer Haushaltsprodukte bleibt die Beratungsrealität dynamisch. Während Tox Info Suisse zu in der Schweiz registrierten Substanzen über fundierte Daten verfügt, stellen im Internet erworbene – teilweise illegale – Produkte eine wachsende Herausforderung dar. Haushaltsprodukte, Kosmetika, Medikamente oder Drogen können weltweit bestellt werden, oft fehlen jedoch verlässliche Inhaltsangaben. «Immer öfter wissen wir nicht genau, was in diesen Produkten enthalten ist», erklärt Cornelia Reichert. «Europäische Sicherheitsstandards und Prüfsiegel gelten für diese Produkte nicht.» 

Besonders der Drogenmarkt hat sich verändert. Neben klassischen Substanzen erscheinen laufend neue synthetische Wirkstoffe. Lange Zeit galt Cannabis als «weiche Droge». Mit synthetischen Cannabinoiden traten jedoch plötzlich schwere Symptome wie Krampfanfälle, Koma oder Niereninsuffizienz auf. Auch «Edibles» – THC in Form von Gummibärchen oder Schokolade – sehen harmlos aus, haben unbekannte Konzentrationen und werden leicht verwechselt. 

In der heutigen Zeit bringt auch die Digitalisierung neue Hürden: Über Suchmaschinen oder KI finden Menschen zwar innert Sekunden unzählige Informationen, doch im Notfall fällt es schwer, nicht Relevantes von Gefährlichem zu unterscheiden. Gerade dann ist professionelle, menschliche Einschätzung zentral: einordnen, beruhigen oder gezielt handeln. 

Ein Kampf um die Existenz


Foto: Tox Info Suisse

So unbestritten der medizinische Nutzen heute ist, so steinig war der finanzielle Weg. Als unabhängige Fachstelle zwischen Medizin, Öffentlichkeit und Behörden war die Bedeutung von Tox Info Suisse stets hoch, doch die finanziellen Mittel nie selbstverständlich. 

Im Jahr 2025 erreichte diese Spannung einen neuen Höhepunkt. Trotz 44'736 Beratungen stand der Fortbestand des Giftnotrufs aus finanziellen Gründen auf dem Spiel. Die Reaktion der Bevölkerung war überwältigend: Innerhalb von nur drei Wochen unterzeichneten knapp 120'000 Personen die Petition «Retten Sie den Giftnotruf». Erst der Parlamentsentscheid in der Wintersession 2025 sicherte den Betrieb für das Jahr 2026. 

Mehr als eine Institution – die «Toxfamilie»


Für viele Beteiligte ist Tox Info Suisse mehr als nur ein Arbeitsplatz. Gründertochter Ines Nisoli erinnert sich: «Für mich war das Tox wie eine Halbschwester, die beinahe die ganze Aufmerksamkeit und Hingabe meines Vaters beanspruchte. Es war immer präsent – mein Vater erzählte bei jedem Abendessen von den Fortschritten und Stolpersteinen. Es war schwierig, ein anderes Thema aufzubringen.» 

Foto: Tox Info Suisse

Manche nennen es die «Toxfamilie». Die Tätigkeit ist anspruchsvoll, manchmal sehr belastend, oft komplex – und bleibt doch sinnstiftend. Nicht jeder Anruf ist dramatisch – manchmal zeigt sich der Alltag von seiner kuriosen Seite: Ein Diabetiker testete ein neues Injektionsgerät an einer Tomate, die später gegessen wurde. Schmunzelnde Entwarnung inklusive. Hinter jedem Anruf stehen Menschen. 

Ines Nisoli fügt hinzu: «Inzwischen haben Generationen von Führungskräften und Mitarbeitenden die Existenz und den Betrieb von Tox Info Suisse weitergeführt und gesichert, ebenfalls mit sehr viel Überzeugung, Einsatz und Hingabe. Ihnen allen gebührt ein riesiges Dankeschön.» 


Foto: Tox Info Suisse

Nach 60 Jahren steht Tox Info Suisse weiterhin rund um die Uhr bereit. Die Rahmenbedingungen mögen sich ändern, Substanzen komplexer werden, die Informationsflut grösser. Der Kern aber bleibt: zuhören, einordnen, helfen. 

«Die Anrufer sind froh, dass es uns gibt.» 

Und wir sind gespannt auf die nächsten 60 Jahre.


Das Jubiläumsjahr hat bereits mit einem Anlass für die Mitarbeitenden im März begonnen. Im Herbst folgt die offizielle Jubiläumsfeier. Über das Jahr hinweg teilen wir in unserem Jahresbericht, auf unserer Website und auf Social Media immer wieder kleine Einblicke und Geschichten aus 60 Jahren Tox Info Suisse. 

Bleiben Sie dran – wir haben noch viele Anekdoten aus 60 Jahren Tox Info Suisse zu erzählen. 






Mai 2026