Giftige Ammenmärchen aus dem Tox-Alltag: Pilze


KI-Bild: Copilot AI/Tox Info Suisse

Wer Pilze sammelt, weiss: Die besten Plätze sind oft streng gehütete Familiengeheimnisse. Mit guten Fundorten werden auch alte Sammlerweisheiten weitergegeben. Das Problem: Manche dieser Tipps sind schlicht falsch, manchmal sogar brandgefährlich.

Zum Auftakt unserer neuen Serie «Giftige Ammenmärchen» nehmen wir sechs verbreitete Pilzmythen unter die Lupe. Denn auf vermeintliche Tricks zur Unterscheidung von giftig und essbar ist absolut kein Verlass.


Mythos 1: «Wenn ein Pilz von einer Schnecke angeknabbert wurde, ist er essbar und ungiftig»


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Fakt:
Frassspuren sind kein Prüfsiegel. 

Tiere reagieren oft ganz anders auf Giftstoffe als Menschen. Was für eine Schnecke ein Festmahl ist, kann für uns tödlich enden.
Der grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) wird durchaus von Schnecken angeknabbert. Die darin enthaltenen Amatoxine zerstören beim Menschen Leberzellen, den Schnecken scheinen sie nicht viel anzuhaben.


Anders gesagt: Wollen Sie Ihr Leben wirklich dem kulinarischen Urteil einer Schnecke überlassen?


Mythos 2: «Ich probiere nur einen kleinen Pilz. Wenn nicht gleich etwas passiert, ist der Pilz ungefährlich»


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Fakt:
Gerade die gefährlichsten Pilzgifte wirken häufig recht verzögert. 

Nach dem Verzehr von giftigen Rauköpfen (Cortinarius orellanus und rubellus) beispielsweise spürt man oft tagelang nichts – bis nach 2 bis 17 Tagen die Nieren versagen. Auch die Symptome des Knollenblätterpilzes setzen oft erst nach 6 bis 15 Stunden ein – manchmal sogar nach 24 Stunden. 


Anders gesagt: Wer nach einer kleinen Kostprobe keine Beschwerden verspürt, sollte auf keinen Fall davon ausgehen, dass der restliche Fund nun bedenkenlos gegessen werden darf.


Mythos 3: «Giftpilze werden durch Kochen ungiftig»


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Fakt: Schön wär’s. Leider werden nicht alle Toxine durch Kochen zersetzt und ungiftig gemacht. 

Es stimmt zwar, dass einige Speisepilze erst durch ausreichendes Erhitzen gut verträglich werden. Deshalb empfiehlt die VAPKO (Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane der Schweiz) auch, Pilze grundsätzlich nicht roh zu essen. Die wirklich fiesen Pilzgifte wie das Amatoxin sind jedoch extrem stabil und lassen sich weder durch Kochen, Braten, Trocknen, Einlegen noch Tieffrieren neutralisieren. 


Anders gesagt: Weder Kochtopf noch Tiefkühler verwandeln einen Giftpilz in einen Speisepilz. 


Mythos 4: «Über 2000 Meter Höhe gibt es keine Giftpilze; oberhalb der Baumgrenze wachsen keine ‹Knollis›»


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Fakt:
Weder Höhenmeter noch die Baumgrenze schützen vor Vergiftungen. 

In alten Pilzbüchern steht zwar oft, dass der Knollenblätterpilz (umgangssprachlich «Knolli») in alpinen Hochlagen fehlt. Doch mit der Klimaerwärmung breiten sich Bäume und Pilze zunehmend in höhere Lagen aus. Auch steckt das Amatoxin nicht nur im «Knolli», sondern auch in anderen Pilzarten wie Gifthäublingen (Galerina sp.) und Giftschirmlingen (Lepiota sp.). 


Anders gesagt: Wer es auf den Berg schafft, schafft es auch zur Pilzkontrolle.


Mythos 5: «Giftige Pilze schmecken bitter oder scharf»


KI-Bild: Copilot AI/Tox Info Suisse

Fakt: Unser Geschmackssinn hat keinen eingebauten Giftsensor.

Viele gefährliche Pilze schmecken mild, nussig und absolut köstlich. Zwar gilt bei bestimmten Arten – etwa gewissen Täublingen – die Faustregel, dass scharfe Exemplare ungeniessbar sind. Diese Regel lässt sich jedoch keinesfalls auf andere Pilzfamilien übertragen. 
Auch Anrufer:innen mit Vergiftungssymptomen berichten oft, keinen auffälligen Geschmack bemerkt zu haben.  


Anders gesagt: Eine Geschmacksprobe ersetzt keine Pilzkontrolle.


Mythos 6: «Mit Silberlöffel oder Zwiebeln sieht man sofort, ob ein Pilz giftig ist»


KI-Bild: Copilot AI/Tox Info Suisse


Fakt: 
Reines Wunschdenken. Chemisch und biologisch absolut unbrauchbarer Irrglaube.

Der Glaube, dass sich ein Silberlöffel im Kochtopf schwarz verfärbt oder Zwiebeln beim Mitkochen dunkel anlaufen, wenn ein Giftpilz im Spiel ist, hält sich hartnäckig, und das über Ländergrenzen hinweg. Einfache Tests mit chemischen Reaktionen zur Unterscheidung «giftig oder nicht giftig» existieren jedoch nicht. 


Anders gesagt: Selbst wenn die Grosseltern dank dieser «Tricks» 90 Jahre alt wurden, war es pures Glück – kein Wissen.



Kein Mythos: Pilzkontrollen retten Leben

Ob Schneckenfrass, Silberlöffel oder Höhenlage – keine dieser alten «Faustregeln» hält der Realität stand.

Eine verlässliche Pilzbestimmung braucht Fachwissen. Der einzige sichere Weg führt zur offiziellen Pilzkontrollstelle. Damit diese weiterhin flächendeckend existieren und nicht abgeschafft/weggespart werden:

Unterstützen Sie jetzt die Petition: Pilzkontrolle retten!

Hier geht es zur VAPKO-Petition und zu weiteren Infos






Juli 2026